Coffee to go (1): Liebt Gott den Sünder, aber hasst dessen Sünde? 12
Gott liebt den Sünder und hasst die Sünde – so sagen es manche Christen. Der Satz soll den von ihnen empfundenen Gegensatz auflösen, dass Gott uns einerseits liebt, andererseits aber schlechtes (=sündiges) Verhalten ablehnt.
Doch der Satz ist problematisch: Er suggeriert, unsere Sünde wäre nicht ein Teil von uns. Er basiert auf der Annahme, dass wir tief drinnen im Kern gut seien und unser Fehlverhalten nicht wirklich ein Teil von uns sei. Das aber ist unbiblisch: Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte, schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief (3,23). Es gibt keinen guten Kern, den Gott trotz unserer Sünden gut finden könnte. Man kann unsere Sünde nicht einfach von uns abstreifen, ohne uns unserer Persönlichkeit zu rauben. Denn meist sind sie nur die Schattenseite unserer Stärken.
Gott liebt uns als Sünder, als große, verzweifelte Sünder, wie Bonhoeffer es ausdrückt. Und weiter schreibt er: „Nun komm, als der Sünder, der du bist, zu dem Gott, der dich liebt.“ Wenn wir Vergebung und Gnade empfangen, dann sollten wir sie für uns als ganzen Menschen annehmen. Dann fällt es uns leichter, auch andere Menschen Vergebung und Gnade entgegen zu bringen.














Ich überlege noch hin und her, Rolf. Klar kann mit dem Satz nicht gemeint sein (und ist auch selten gemeint), dass “Sünde” nur eine Art Kratzer auf der Oberfläche wäre, unter der alles intakt ist. Andererseits ist es ja ebenso problematisch, das Sündersein zum Wesensmerkmal des Menschen zu machen – dann wäre ja ein sündloser Christus gar kein “richtiger” Mansch. Vielleicht sollte man einfach sagen, dass Gott die Menschen liebt, ob sie nun “kleine”, “große” oder gar keine Sünder sind.
Das betrifft unseren heutigen Sprachgebrauch. Zur Zeit Jesu waren die “Sünder” ja eine klar identifizierbare Gruppe, nämlich die Juden, die es mit den (Reinheits-)Geboten nicht so genau nahmen. Auf die sahen die “guten” dann herab. Das Problem heute haben wir nicht mehr in dieser Form, selbst die strenggläubigsten Christen (die ganz besonders) würden sich zumindest in der Theorie als “Sünder” bezeichnen. Sie sehen dafür auf die herab (oder ist es auch Neid?), die viel zu fröhlich und skrupellos sündigen…
Ja.
Schwierig wird es aber dann, wenn man glaubt, Gott teilt uns quasi in zwei Zonen und liebt die eine und hasst die andere. Und er könnte irgendwann einfach unsere sündige Zone abspalten oder ausziehen wie ein Kleidungsstück und darunter wäre dann irgendwo der eigentliche Mensch zu finden. Das ist deswegen schwierig, weil man dann seine Sünde / sein schlechtes Verhalten stumpf bekämpft – und damit irgendwie sich selbst.
Warum mühen sich so viele Menschen ab, gegen ihre “Sünde” anzuleben? Weil dieses schlechte Verhalten die missglückte Seite meines innersten Antriebs ist. Und der ist mir von Gott geschenkt. Jede menschliche Charaktereigenschaft hat doch viele Möglichkeiten, ausgelebt zu werden. Zum Guten oder zum Schlechten. Der Motor auch meines schlechten Verhaltens ist immer eine Gabe Gottes an mich. Sie ist nur aus dem Ruder gelaufen und ich wende sie destruktiv an.
Wenn ich aber diesen Motor erkenne, dann kann ich diesen Antrieb (mit Gottes und der Menschen Hilfe) mehr und mehr zu positivem Nutzen. Schließlich fällt es mir nicht schwer, zu sündigen. Weil dieser Antrieb eben Teil meiner Selbst, meines Charakters ist. Dann sind wir aber jenseits von moralischer Bewertung von Handlungen. Dann gucken wir, was dahinter steckt und wie es mir leicht fallen könnte diesen Antrieb positiv zu nutzen.
Und das heißt dann: Gott trennt mich nicht in zwei Zonen, die eine liebt er, die andere hasst er. Sondern er liebt uns inklusive unserer schwierigen Seiten, weil er weiß, dass sie zu uns gehören, dass sie uns ausmachen, dass sie ein misslungenes Produkt unseres innersten Antriebs sind. Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten, sagt das Sprichwort. Oft haben die Menschen, die die tollsten Dinge erschaffen, auch ganz starke negative Seiten. Doch nicht, weil der Teufel sie umso mehr verführt. Sondern weil sie in ihrem gesamten Antrieb stärker, energiegeladener sind. Das ermöglicht ihnen ungeahnte Fähigkeiten, aber auch die negative Seite kommt viel stärken zum Zuge. Es ist unheimlich schwer, die positive Seite “Einseitig” mit Antriebsenergie zu versorgen.
Und wenn du jetzt sagst: Sünde ist doch gar nicht so sehr das schlechte Verhalten, sondern eigentlich die negative/antigöttliche Kraft, die mich dazu bringt, meinen innersten Antrieb destruktiv auszuleben, dann bin ich ganz bei dir. Und die Sünde, die wir damit meinen, wird Gott uns mit der neuen Schöpfung nehmen – und dadurch alles neu machen. Diese negative Kraft, so würde ich sagen, hatte Jesus nicht – deswegen musste Jesus auch nicht perfekt im platonischen Sinne sein, um “ohne Sünde” zu sein. Und gerade deshalb konnte doch ein sündloser Christus ein “richtiger” Mensch sein, oder?
Nur: Dieses Verständnis von Sünde meint der oben erwähnte Satz nicht – da geht es ums schlichte, oberflächliche Verhalten. Und das macht des Satz für mich schwierig.
Oh, ja, den Satz wollte ich gar nicht verteidigen.Der ist mir auch zu platt. Vielleicht kein Zufall, dass das so auch gar nicht in der Bibel steht…?
Gott liebt uns als Sünder… Als Vater liebe ich meine Kinder – das was sie tun ist da zweitrangig. Klar machen sie auch manchmal Mist – aber ich käme nicht mal auf die Idee, sie für alle Fehler, die sie machen, bestrafen zu wollen. Ich würde sie ihnen natürlich ersparen wollen – aber dann wären sie nicht frei. Ich glaube, wir Menschen müssen alle Fehler machen, die wir machen können. An der Liebe zu meinen Kids ändert das nix – um wieviel mehr sollte uns dann nicht Gott lieben, der die Liebe ist….
Hallo Rolf,
durch einen Satz, den ich in meiner Gebetszeit hörte, habe ich mich mit dem Thema auch auseinandergesetzt. Meine Gedanken dazu kannst du auf meinem Blog finden: http://katalyma.wordpress.com/2012/03/05/keine-panik-wegen-sunde/
Heute würde ich zu dem, von dir angeführten, Satz eher sagen: Gott hat lange nicht einen solch großen Stress mit der Sünde, wie wir es so oft behaupten. Gott hat beim erlösten Christen einen ganz anderen Fokus.
Warum ich damit nicht behaupte, dass Gott die Sünde egal sei, kann man in meinem Blog-Beitrag nachlesen.
Gruß, Charly
Ich glaube das der Mensch von Grund auf gut von Gott geschaffen wurde. Sagt er ja auch selbst in der Schöpfung “Das es gut war”! Der Mensch wurde aber durch die Sünde schlecht!
Trotzdem behaupte ich das der Mensch von Grund auf GUT ist! Es wäre schlimm wenn das nicht der Fall wäre…!
Mit solchen Zuspitzungen muss man richtig umgehen: Sie enthalten nicht die komplette Botschaft, sondern sind eher ein Merkvers, um uns an den ganzen Inhalt zu erinnern. Unsere Sprache ist unvollkommen, das sollten wir auch berücksichtigen. Problematisch ist für mich in diesem Zusammenhang das Wort “hassen”, weil es sich eigentlich auf eine Person, ein Gegenüber bezieht, das sich äußern kann und ein Verhalten hat, und nicht auf Sachen. Es wird zwar oft so verwendet, aber es passt m.E. nicht richtig. Das andere problematische Wort ist “Sünde”: Es suggeriert in diesem Fall, als sei das etwas, das einfach so passiert, das unabhängig von dem Menschen ist, der sie tut. Durch den ganzen Satz wird eine Trennung zwischen dem Sünder und der Sünde vollzogen, weil er keinerlei Hinweis darauf enthält, dass es da einen konkreten und wichtigen Zusammenhang gibt. Das passiert halt bei einer solchen starken Verkürzung.
Die Sünde ist ja eigentlich die “Absonderung” des Menschen, dass er seinen Weg geht und nicht den von Gott gedachten Weg. Natürlich mag Gott das nicht, es tut ihm weh, er ist betrübt darüber. Es geht hier um das Verhalten des Menschen. Den Menschen liebt er, er hat ihn ja geschaffen, und zwar zu seinem Ebenbild. Um so mehr schmerzt es Gott, wenn der Mensch diesem Ebenbild nicht entspricht, sich von ihm entfernt. Wir merken schon, wie viel man darüber schreiben und sagen könnte, wie tief das geht und wie viel davon die Rede sein müsste über die Eigenschaften Gottes das Verhältnis zwischen Gott und Mensch.
Also sollte man den kurzen Satz als das nehmen, was er ist: Eine Eselsbrücke, um an die dahinter sich ausbreitende ausführliche Botschaft zu kommen.
Hi Rolf,
Ich bin mich ziemlich sicher, dass der Spruch “Love the sinner, but hat the sin” von Mahatma Gandhi kommt.
LG,
BJ
Hi!
Gandhis Version heißt: “Hate the sin, love the sinner”, was in dieser Reihenfolge eine andere Intonation hat. Aber er hat es auch nur zitiert. Wo genau der Spruch herkommt, weiß man nicht so genau. Manche schreiben es Augustinus zu.
LG,
Rolf
‘hate the sin’ nicht ‘hat the sin’. Das wäre was ganz anders.
Ich weiß nicht, wie ihr eure Kinder erzieht, aber ich mag die Sünden meiner Kinder nun wirklich nicht leiden (zumindest nicht die kritischen Dinge, keine “liebenswerte” Schwächen sind eine andere Sache). Was an meiner bedingungslosen Liebe zu meinen Kindern aber nichts ändert!
…zumindest kenne ich keinen Erziehungsratgeber und auch keinen Personalführungsratgeber, der nicht klar empfiehlt, zwischen Person und Tat zu unterscheiden.